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23. November 2018

Auf Bozenreise: Netzwerk der Handwerkerinnen

Als Tischlermeisterin freut es mich natürlich, dass das Handwerk für zunehmend mehr Frauen zum Beruf wird – aber da ist noch sehr viel Luft nach oben! Das finde nicht nur ich, sondern auch das Kompetenzzentrum für Berliner Handwerkerinnen, ein Netzwerk und Projekt, das von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Berlin gefördert wird. Das Kompetenzzentrum hat sich zur Aufgabe gemacht, die Präsenz von Berliner Handwerkerinnen zu stärken und durch den Austausch von Erfahrungen und Informationen ihre Chancen in der Branche zu steigern.

UNSER NETZWERK AUF BILDUNGSREISE

Auch ich bin seit 2017 Mitglied dieses Netzwerks und freue mich darüber, von unserer letzten Reise berichten zu können: Vom 9. bis 13. September waren zehn aktive Handwerkerinnen aus unserem Netzwerk plus zwei Projektleiterinnen des Kompetenzzentrums nämlich auf Bildungsreise in Bozen, Südtirol! Dort haben wir unterschiedliche Gewerke und Handwerksbetriebe besucht und uns mit Frauen ausgetauscht, die genau diese führen. Gefördert wurde die Reise durch das Europäische Programm Erasmus+ und die Mobilitätsberatung der Handwerkskammer Berlin.

AUF VISITE: DIE LANDESBERUFSSCHULE

Nach einer wirklich spaßigen gemeinsamen Bahnfahrt, besuchten wir am ersten Tag in Italien die Landesberufsschule „Christian Josef Tschuggmall“ in Brixen. Dort wollten wir vor allem schauen, wie in Südtirol denn überhaupt so in den handwerklichen Bereichen ausgebildet wird. Interessant war, dass die Berufe dort teilweise andere Tätigkeitsfelder beinhalten als bei uns, sogar eher mehrere Berufe in einem zusammenfassen: Ein/e TapeziererIn zum Beispiel verkleidet bei uns Wände mit Tapeten. In Südtirol ist er oder sie gleichzeitig auch RaumausstatterIn – polstert also Möbel, verlegt Bodenbeläge oder montiert Sonnenschutzanlagen.

Aber es gab auch Übereinstimmungen zu dem, was ich kenne: Die Berufsschule ist vor allem technisch genauso gut ausgestattet, wie ich es aus meiner ehemaligen in Ulm kenne. Meine Kolleginnen, die in Berlin ausgebildet wurden, haben allerdings gestöhnt: Bei ihnen war der Standard in den Berufsschulen nicht annähernd so gut wie in Brixen.

Hier wird gefachsimpelt: Unsere Gruppe in der Landesberufsschule

Leider muss man sagen, dass in Südtirol wesentlich weniger Frauen eine Ausbildung im Handwerk machen als Männer, zumindest was Berufe wie Zimmerer/in, Tischler/in oder Schuster/in angeht. Damit startet in der Bozener Berufsschule jedenfalls nur rund alle vier Jahre mal eine Frau, seltener als bei uns in Deutschland. Umso wichtiger ist es zu zeigen, wie toll diese Berufe für beide Geschlechter sind – egal wo!

Werbung für das Handwerk in der Landesberufsschule

HANDWERKERINNEN MIT EIGENEM BETRIEB

Im Anschluss an die Landesberufsschule statteten wir dem Haus des Handwerks einen Besuch ab und wurden dort von Vizedirektor Herr Pöhl empfangen. Frauen seien als Handwerkerinnen in den baunahen und gewerblich technischen Gewerken kaum vertreten, sagt er. Allerdings gäbe es auch keine Studien und Statistiken über die Situation von Frauen im Südtiroler Handwerk. Dass eine Frau einen Meister macht und einen eigenen Handwerksbetrieb führt, ist zumindest selten.

Aber es gibt Ausnahmen, und zwei davon haben wir an Tag zwei unserer Reise besucht. Goldschmiedin Marita Moroder hat zwar keinen Meister gemacht, führt aber trotzdem ihren eigenen Betrieb „Goldform Marita“ in St. Ulrich. Ihre Werkstatt und auch der Verkaufsraum befinden sich direkt im Erdgeschoss ihres eigenen Hauses, das sie mit ihrer Familie gebaut hat. Frau Moroder erzählte uns einiges von ihrer Arbeit als eine der wenigen weiblichen Handwerkerinnen in Südtirol. Sie arbeitete einige Jahre als Goldschmiedin, blieb für neun Jahre Zuhause bei ihren Kindern und gründete dann, mit 40 Jahren, ihre eigene Werkstatt. Generell finden sich im Goldschmiedehandwerk mehr Frauen, als in anderen handwerklichen Berufen.

Goldschmiedin Marita Moroder zeigt uns ihr Handwerk

NACH 400 JAHREN ERSTMALS IN FRAUENHAND

Am selben Nachmittag ging es weiter zur Schlosserei und Schmiede Schwärzer nach Gais, die schon seit ganzen 400 Jahren in Familienhand existiert. 1611 wurde sie als Huf- und Waffenschmiede gegründet, ab 1962 hat sich die Schmiede dann auch zur Schlosserei weiterentwickelt. Seit kurzem wird der Betrieb von Margit Schwärzer geführt – nach über 400 Jahren und in der 12. Generation erstmals von einer Frau. Ihre Schwester ist zurzeit noch dabei ihren Meister zu machen und anschließend werden sie den Betrieb – der übrigens ein wirklich gutes Arbeitsklima zu haben scheint – gemeinsam führen. Die beiden Schwestern sind die seit einigen Jahren einzigen weiblichen Auszubildenden im Metallhandwerk in ihrer Berufsschule – es wurde also wirklich Zeit!

Meisterin Margit Schlosser (links) zeigt uns ihren frisch übernommenen Familienbetrieb

ROLLENBILDER: UNTERNEHMERINNEN AUS BOZEN

Am Abend waren wir mit dem Landesausschuss der Frauen Bozen verabredet, deren Mitglieder Unternehmerinnen aus Südtirol sind und sich ein gutes Netzwerk untereinander aufgebaut haben. Die zwölf Frauen, die wir getroffen haben, wirken alle in den Handwerksbetrieben ihrer Männer mit und arbeiten dort in den meisten Fällen in den Büros.

Wir konnten feststellen, dass die Anschauung über die Rollenverteilung im Arbeitsleben bei ihnen ziemlich anders ist als bei uns – da sind doch zwei sehr unterschiedliche Gruppen aufeinander getroffen. Die Unternehmerinnen waren zum Beispiel sehr erstaunt als ich erzählte, dass ich selbstständige Tischlermeisterin bin und eigene Raumkonzepte umsetze. Es war sehr interessant, solche kulturellen Unterschiede mal bei einem zwanglosen Abendessen im direkten Gespräch zu erfahren und wir hatten einen netten Abend und gutes Essen zusammen.

ZURÜCK IN BERLIN: VIELE NEUE EINDRÜCKE

Ich habe durch die Reise wahnsinnig viele neue Eindrücke mit nach Berlin genommen und finde es toll und wichtig, die Augen offen zu halten und immer wieder über den Tellerrand hinauszuschauen um zu sehen, wie es anderswo so läuft! Natürlich hat es auch mal gut getan, etwas Abstand vom oft stressigen Arbeitsalltag zu haben – aber tauschen will ich keinesfalls! 🙂

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